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Margrit Stamm

Hochbegabung und Schulabsentismus

Begriff, Ursachen und Erscheinungsformen

Schulabsentismus ist das unentschuldigte Fernbleiben von der Schule über kürzere oder längere Zeit. Es wird unterschieden zwischen Schulschwänzen und Schulverweigerung, wobei keine genaue Abgrenzung der Begriffe möglich ist (vgl. Stamm, S. 21).

Es geht jedoch um die Frage, inwiefern Hochbegabung und Schulabsentismus zusammengehören. Schulabsentismus wird generell häufig mit niedriger Intelligenz verbunden. Schülerinnen und Schüler, die im Unterricht eine zu geringe intellektuelle Herausforderung erleben, mutieren zu Verhaltensstörungen wie Aggressionen oder Depressionen. Solche Schüler können ihr Potenzial nicht ausschöpfen und ihre Leistungen werden über längere Zeit unter dem Durchschnitt liegen. Man würde meinen, dass Hochbegabte selten zu schulabsenten Jugendlichen gehören, weil sie ohnehin durch Zielstrebigkeit und Leistungserfolg motivierter sind als Normalbegabte. Jedoch neigen auch hochbegabte Schüler dazu, unentschuldigt vom Unterricht fernzubleiben (vgl. Stamm, S. 23).
Es ist zu sagen, dass ungünstige Rahmenbedingungen, allgemeine Unterforderung im Lehrstoffangebot und ungünstige Lehrer-Schüler-Beziehungen mögliche Ursachen für Schulabsentismus Hochbegabter sind. „Misserfolge, Zurückweisungen durch Lehrpersonen oder Mitschüler oder die Nicht-Berücksichtigung der Lernkapazität können in aggressives und störendes Verhalten (…) münden“ (Stamm, S. 23). Solche Zustände sind ebenfalls Gründe, die die Abneigung gegen die Schule zur Folge haben können (vgl. Stamm, S. 23).

Untersuchung

Es wurde eine Studie gemacht, dessen Stichprobe 366 Jugendliche aus acht Schweizer Kantonen umfasste. Die Untersuchung wurde zu unterschiedlichen Zeitpunkten durchgeführt, nämlich zum Schuleintritt 1995, zur Mitte der 1. Klasse 1996, der 3. Klasse 1998 und im Sommer 2003 (vgl. Stamm, S. 23).

Anhand der Ergebnisse können folgende fünf Gruppen (diese wurden als „Cluster“ bezeichnet) unterschieden werden:
Cluster I:
Diese Gruppe wird als die „Blaumacher“ bezeichnet. 23,5 % gehörten dieser Gruppe an, die als Gründe für das Fernbleiben angaben, sie bräuchten unbedingt ein paar freie Stunden, wenn sie so viel zu tun haben oder einzelne Fächer wären so langweilig, dass sie sicher nichts verpassen würden. Es handelt sich dabei um Jugendliche mit sehr guten Schulleistungen und hoher Intelligenz (vgl. Stamm, S. 27).

 

Cluster II:
Dieser Gruppe gehörten die meisten Schüler, nämlich 43,9 %, an. Sie blieben kaum unentschuldigt von der Schule fern und wiesen durchschnittliche Intelligenzwerte sowie durchschnittliche Schulleistungen auf (vgl. Stamm, S. 27).
Cluster III:
Die so genannten „regelmäßigen Schulschwänzer“ oder „notorischen Schulschwänzer“ machten 8,5 % aus. Sie wiesen eher niedrigere Intelligenzwerte sowie eher schlechte Schulleistungen auf. Da man annehmen kann, dass ihre schlechten Schulleistungen auf ihr ständiges Fernbleiben zurückzuführen sind, gehören sie zur Risikogruppe der schulabsenten Jugendlichen. Sie blieben dem Unterricht immer wieder in regelmäßigen Zeitabständen fern (vgl. Stamm, S. 27).
Cluster IV:
16,1 % gehören zu dem Typ, die vor allem dann vom Unterricht fernblieben, wenn es um Prüfungen ging, die mit Angst vor schlechten Noten verbunden waren. Sie fehlten meist nur stundenweise und wiesen eher gute Schulleistungen bei niedrigen Intelligenzwerten auf (vgl. Stamm, S. 28).
Cluster V:
Der „Schuldistanzierte“ erbringt unterdurchschnittliche Schulleistungen bei hoher Intelligenz und bildet mit 7,9 % einen beachtlichen Anteil. Die Abgrenzung gegenüber der Schule kann schon als Aversion bezeichnet werden. In der vorliegenden Studie war dieser Typ vor allem in den ersten Klassen der Grundschulzeit vertreten und nahm mit steigendem Alter ab (vgl. Stamm, S. 28).
Die Ergebnisse zeigen, dass „eine hohe Intelligenz sehr wohl mit schulmeidendem Verhalten einhergehen kann“ (Stamm, S. 30).

Erkenntnisse

Es sei angemerkt, dass ein nicht kleiner Anteil begabter und leistungsstarker Schüler sehr häufig „blau“ machte. Ein Augenmerk sollte auch auf Jugendliche gelenkt werden, die durch ihren Schulabsentismus ihre Selbstständigkeit und Autonomie hervorheben möchten. Damit werden auch häufig strukturelle Probleme der Schule aufgedeckt (vgl. Stamm, S. 30 f.).
Inwieweit Hochbegabung und Schulabsentismus zusammengehören hängt somit ebenfalls von der Schulqualität ab. Eine Schule sollte sich daher drei Fragen stellen: „(a) Was unternimmt eine Schule, damit möglichst viele Schüler (…) in ihr einen herausfordernden (…) Lernraum vorfinden (…)? (b) Wie gut ist der Unterricht an dieser Schule, so dass es ein Gewinn ist, ihm beizuwohnen? (c) Was unternimmt eine Schule, um Absentismusraten zu senken?“ (Stamm 2005, S. 31).
Ziel sollte es daher sein, dass die Schüler das Gefühl haben, der Schule macht es etwas aus, wenn sie fehlen und das Fehlen wird ernst genommen (vgl. Stamm, S. 31).

Quelle

Stamm, M. (2005). Hochbegabung und Schulabsentismus.Psychologie in Erziehung und Unterricht, 52, 20­32.

 


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