Aus der Lehre … Pädagogische Fachzeitschriften 2007

Matthias Kliegel und Theodor Jäger

Die Entwicklung des prospektiven Gedächtnisses über die Lebensspanne

Das prospektive Gedächtnis bezeichnet das Zusammenspiel jener kognitiven Fähigkeiten, die daran beteiligt sind, intendierte Handlungen zu planen und sie später zur adäquaten Gelegenheit selbständig zu realisieren. Im Folgenden werden Befunde von Studien erörtert, die sich mit der Entwicklung der prospektiven Gedächtnisleistung im Kindes- und Jugendalter und vom jüngeren zum höheren Erwachsenenalter beschäftigen und erste konsistente Trends beschreiben. Außerdem wird auf die paradoxe und bisher noch ungeklärte Befundlage des altersabhängigen Ausführens intendierter Handlungen im Labor und im Alltagsleben hingewiesen.

Was ist das prospektive Gedächtnis?

Das prospektive Gedächtnis bezeichnet das Zusammenspiel jener kognitiven Prozesse, die erforderlich sind, spezifische Handlungen im Voraus zu planen und sich dann später zu einer passenden Gelegenheit von selbst daran zu erinnern, diese gemäß dem gefassten Plan auszuführen. Dieses selbständige, verzögerte Realisieren von Intentionen wurde wiederholt als eine der wichtigsten alltäglichen Gedächtnisfunktionen identifizier(z.B. das Einhalten von Terminen oder das rechtzeitige einnehmen von Medikamenten). Verschiedene Studien weisen darauf hin, dass prospektive Gedächtnisfehler mehr als die Hälfte der alltäglichen Gedächtnisprobleme über die Lebensspanne ausmachen und für den Aufbau und die Aufrechterhaltung der Selbständigkeit von entscheidender Bedeutung sind. Unterschieden wird es im Allgemeinen vom Abruf zuvor gelernter Informationen, vom retrospektiven Gedächtnis. Das prospektive Gedächtnis beruht auf vielen kognitiven Funktionen, die über das retrospektive Gedächtnis hinausgehen. Es beruht auch auf retrospektiven Gedächtnisprozessen, erfordert jedoch zusätzlich den Einsatz weiterer kognitiver Ressourcen wie zum Beispiel zentralexekutive Kontrollprozesse.

Die vielgestaltigen prospektiven Gedächtnisaufgaben werden in der Literatur unterschieden in ereignisbasierte und zeitbasierte prospektive Gedächtnisabläufe, diese  wiederum in  simple (aus einer einzelnen, isolierten Handlung bestehend) oder komplexe (selbständige Bewältigung einer Reihe bzw. Sequenz von Handlungen) prospektive Gedächtnisaufgaben.

Die ersten theoretischen Modelle der letzten Jahre versuchen zu beschreiben, welche kognitiven Subprozesse und Einflussfaktoren im prospektiven Erinnern involviert sind, wobei sich diese derzeit weitgehend auf das ereignisbasierte prospektive Erinnern beschränken. Das bisher einflussreichste Modell von McDaniel und Einstein(2000), das „Multiprocess Framework“, schlägt vor, dass ereignisbasierte prospektive Gedächtnisaufgaben unter bestimmten Umständen relativ automatisch gelöst werden können, unter anderen Randbedingungen aber Ressourcen beanspruchende Prozesse erfordern.

Das prospektive Gedächtnis im Erwachsenenalter

Eine wichtige Überblicksarbeit, welche die noch relativ ungeklärten Umstände der Altersunterschiede in verschiedenen prospektiven Gedächtnisaufgaben zu determinieren versuchte, ist die Metaanalyse von Henry, MacLeod, Phillips und Crawford (2004). Die Metaanalyse ergab als Hauptresultat, dass ältere Erwachsene im Allgemeinen eine verminderte Leistung in laborbasierten prospektiven Gedächtnisaufgaben aufweisen, für ereignisbasierte Aufgaben, die sich durch relativ geringe strategische Anforderungen auszeichnen, konnte kein signifikanter Alterseffekt gefunden werden. Hingegen ergab sich ein relativ großer Alterseffekt in ereignisbasierten Aufgaben, welche hohe strategische Anforderungen an das kognitive System stellen. Die Tatsache, wie sehr strategische, kontrollierte Prozesse zur erfolgreichen Bewältigung der Aufgabe beitragen müssen, hat auch Auswirkungen auf die potentiellen Altersunterschiede. Die Existenz von Altersdefiziten ist  direkt davon abhängig, ob die Lösung der spezifischen Aufgabe eher automatisch oder eher kontrolliert abläuft. Dies deutet darauf hin, dass das prospektive Erinnern im hohen Erwachsenenalter fehleranfälliger und zu einer zunehmenden Herausforderung wird. Generell tendieren ältere Erwachsene dazu, eine verminderte Anzahl korrekter ereignis –oder zeitbasierter prospektiver Reaktionen zu zeigen, diese sind zudem von einer längeren Latenzzeit begleitet. Befunde gehen davon aus, dass das höhere Erwachsenenalter mit einer verminderten Fähigkeit verbunden ist, Intentionen in das Gedächtnissystem zu enkodieren, neue Assoziationen zwischen prospektiven Hinweisreizen und intendierten Handlungen zu bilden oder prospektive Hinweisreize in der Umwelt zu entdecken.

Mehrere Studien zeigen ein relativ konsistentes Bild einer Überlegenheit der prospektiven Gedächtnisleistung im höheren Alter in naturalistischen Aufgaben im Gegensatz zu laborisierten Aufgaben. Die widersprüchlichen Befunde über laborisierte und naturalistische prospektive Gedächtnisleistungen wurden als „paradox“ beschrieben, scheinen  aber nicht im retrospektiven Erinnern zu bestehen. Überzeugende Erklärungen dafür konnten jedoch bis dato noch nicht vorgelegt werden.

Das prospektive Gedächtnis im Kindes- und Jugendalter

Die primäre Frage der vorliegenden Literatur war, ob es im Kindesalter bereits ein prospektives Erinnern gibt bzw. wann und wie es sich entfaltet. Konsens scheint über der Annahme zu bestehen, dass im Verlauf des Grundschulalters die Entwicklung der prospektiven Erinnerungsleistung eine wesentliche Voraussetzung für ein effektives, selbstinitiiertes Lernen und damit auch für die Entwicklung von Selbständigkeit ist. Daten zeigen, dass das ereignisbasierte Erinnern bei Vorschulkindern und sogar bei 2-jährigen Kindern in Ansätzen vorhanden ist, sich diese aber über das Kindes- und Jugendalter noch weiter verbessert. Junge Kinder scheinen vor allem Probleme mit dem selbstinitiierten Ausführen einer intendierten Handlung zu haben, insbesondere, wenn die prospektive Aufgabe hohe strategische Anforderungen stellt. Lediglich verbales Enkodieren führt zu besonderen Schwierigkeiten, eine Leistungsverbesserung findet beim visuellen Enkodieren statt. Jedoch profitieren ältere Kinder davon nicht mehr so stark, dafür umso mehr, wenn sie die intendierte Handlung zur Zeit des Enkodierens einüben könne. Der über das Kindesalter hinweg zunehmende Einsatz von Gedächtnishilfen verhilft dann ältern Kindern zu besseren prospektiven Gedächtnisleistungen. Das zeitbasierte prospektive Gedächtnis scheint sich zwischen dem 6. und 14. Lebensjahr besonders zu entwickeln, teilweise indem Kinder zunehmend fähig sind, ein effizientes Zeitmonitoring einzusetzen. Das zeitbasierte prospektive Gedächtnis scheint sich erst nach dem ereignisbasierten zu etablieren, da die zeitbasierten Aufgaben oft ein hohes Maß an strategischen Prozessen und exekutiver Kontrolle benötigen. Die ersten Studien des Kindes- und Jugendalters bieten jedoch noch keine hinreichende Antwort, in welchem Alter und wie sich die Fähigkeit zum prospektiven Erinnern als wichtiger Bestandteil des kognitiven Systems von Kindern und Jugendlichen zu entwickeln beginnt.

Quelle

Kliegel, M., Jäger, Th.(2006).Die Entwicklung des prospektiven Gedächtnisses über die Lebensspanne. Zeitschrift für Entwicklungspsychologie und Pädagogische Psychologie,38 (4), 162-174.


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