Präsentationen 2007

 

Wie wirken sich Trennung und Scheidung auf Kinder und Jugendliche aus?

Empirische Fakten 

Rainbows ist eine Einrichtung zur Unterstützung und Begleitung für Kinder und Jugendliche nach Trennung oder Scheidung oder jene, die einen Elternteil durch Tod verloren haben. Aus einer österreichweiten Studie von insgesamt 455 Fragebögen stammen unter anderem folgenden Daten: 57% übernehmen die alleinige Obsorge, 39% die gemeinsame und in 4% der Fällen wird die Obsorge durch eine andere Person übernommen (Spiessberger 2006).

Was den Zeitpunkt der Trennung/Scheidung im Verhältnis zum Alter der Kinder betrifft, so finden 4,8% der Trennungen/ Scheidungen im Kindesalter von 0-4 Mon. statt, 23,2% im Alter von 5-8 Mon., 20% von 9-12 Mon., 12,25 von 1-1,5 J., 8,7% im Alter von 1,5-2J., 9,4% von 2-3J. und 21,6% über 3 J. (Spiessberger 2006). 

Bewältigungsstrategien 

„Die Trennung ist für alle Beteiligten eine schwere Lebenskrise und zugleich eine große Chance. Für die Erwachsenen eine Chance auf mehr Lebenszufriedenheit – alleine oder in einer neuen Partnerschaft – und für die Kinder eine Chance auf bessere Entwicklungsbedingungen als in einem Konfliktmilieu. Von da her stellt sich für Eltern natürlich die Frage, was sie tun können, um diese Chance auch nützen zu können“ (Figdor 2006, S. 26). 

Kindern und Jugendlichen in seelischen Krisen zu helfen, ist kein einfaches Unterfangen. Vor allem betroffene Elternteile finden sich selbst in solchen Lebensabschnitten in emotionalen und sozial-ökonomisch Schwierigkeiten wieder. Die Annahme, in solchen Situationen alles alleine schaffen zu müssen, ist vollkommen  unangebracht und gefährlich. Es gibt unzählige (auch kostenlose) Unterstützungsangebote, von denen man je nach Bedarf Gebrauch machen sollte. Folgende Möglichkeiten bieten die österreichischen Sozialeinrichtungen in den verschiedensten Formen an: Erziehungsberatung, Paar- oder Familienberatung, Paar- oder Familientherapie, Mediation uvm. (vgl. Figdor 2006, S. 26). 

Figdor teilt seine Bewältigungsstrategien in folgende drei Bereiche:

Vor der Trennung

Die gemeinsame Zukunft sollte nicht von den Kindern abhängig gemacht werden. Konfliktreiche Beziehungen haben langfristig meist schädlichere Auswirkungen auf die Psyche der Heranwachsenden als eine gute Trennung. Wichtig dabei ist, den Kindern die Gründe wahrheitsgemäß und ihrem Alter entsprechend näher zu bringen. Eine Trennung ohne Reaktionen seitens der Kinder gibt es kaum. Besonders jene, die keine sichtbaren Bewältigungsstrategien zeigen, sollten ermutigt werden, ihre Gefühle auszudrücken. Grundsätzlich muss festgehalten werden, dass man auf jeden Fall auf die Reaktionen der Kinder eingehen muss, anstatt sie zu bekämpfen (vgl. Figdor 2006, S. 26 f). 

Nach der Trennung

Fast alle Scheidungskinder haben Schuldgefühle und brauchen die Gewissheit durch die Erwachsenen, dass sie nicht zu schlimm, zu dumm, zu teuer… waren und damit die Trennung verursacht haben. Die Trennungsgründe müssen dem Kind immer so veranschaulicht werden, dass es nachvollziehen kann, dass die Auseinandersetzungen ausschließlich einer Sache der Eltern sind bzw. waren. Das Zurückfallen auf eine niedrigere Entwicklungsstufe dient dem Kind als Selbstschutz um sich wieder „aufrichten“ zu können. Diese Art der Regression muss unbedingt zugelassen werden (vgl. Figdor 2006, S. 27 ff). 

Empfehlungen für die weitere Zukunft

Gravierende emotionale Probleme der betroffenen Elternteile stehen einer Befolgung oben angeführte Punkte oft im Weg. Es ist daher nicht unbedingt eine Frage des Wollens oder Wissens, sondern eher eine des Könnens (vgl. Figdor 2006, S. 29). 

Um eine Scheidung gut verarbeiten zu können, würden Kinder Eltern benötigen, die ihnen – abgesehen von den ersten Lebensmonaten – so einfühlsam, geduldig, ausgeglichen und zuwendend wie noch nie zuvor zur Seite stehen. Zur selben Zeit jedoch befinden sich die Eltern in einer schwierigen psychischen Situation und es fällt zumeist schwer, ruhig, anspruchslos, loyal und gefestigt aufzutreten. In diesem Paradoxum liegt die eigentliche Gefahr der Scheidung/Trennung für die Kinder (vgl. Figdor 2006, S. 30). 

Trennung aus der Sicht der Kinder 

Die Kindheit ist der innere Ort, an den man immer zurückkehren kann, vorausgesetzt, es konnte sich damals eine vertrauensvolle Lebenseinstellung bilden, es ist die Zeit, in der die verinnerlichten Bilder der Mutter und des Vaters entstehen. Die zeitlosen Bilder sind unzerstörbar und überdauern im Allgemeinen eine Trennung der Eltern, ja sogar deren Tod. Im Fall einer Trennung bzw. Scheidung bekommt das schöne innere Bild einen Sprung. Kinder versuchen dann alles, um den Sprung zu kitten, ihre Familie zu reparieren und den vertrauten, normalen Urzustand wieder herzustellen. Manche werden schwierig und erzwingen die Beachtung der Eltern, andere werden krank und vereinigen die Eltern in gemeinsamer Sorge an ihrem Bett. Andere wiederum werden besonders brav und versuchen den Eltern alle Schwierigkeiten zu ersparen, beten, dass der liebe Gott für das Zusammenbleiben sorgt oder flüchten sich in Phantasien, dass die Eltern eines Tages wieder zusammenkommen (vgl. Türkmen-Barta 1992,  S. 21,). 

Kleinkinder brauchen klare Orientierungen, Beistand gegen Ängste und das Gefühl, trotz Scheidung sicheren Boden unter den Füßen zu haben. Die Eltern sollten sich auch in der Krise als stark und verlässlich erweisen und ein neues Familienbild entwerfen, in dem alles und alle, die für das Kind wichtig sind, wieder einen festen Platz gefunden haben (vgl. Türkmen-Barta 1992, S.59). 

Im Schulalter ist es besonders wichtig, Kinder nicht über Gebühr mit den Problemen Erwachsener zu belasten, da sie dann zu wenig Kraft und Energie in die eigene Entwicklung investieren können, wobei Dauerkrisen besonders ungünstig sind. Besonders in Krisensituationen ist darauf zu achten, dass es auch im Zusammenleben Erfreuliches gibt (vgl. Türkmen-Barta 1992, S.78). 

Im Jugendalter verlässt der Mensch körperlich und seelisch sein altes Kindheitshaus und begibt sich auf die Suche nach einem neuen, das zu seiner veränderten Persönlichkeit passt. Wenn gerade in dieser sensiblen Phase das Elternhaus zusammenbricht, das bisher noch einen festen äußeren Rahmen geboten hatte, so geraten Jugendliche ganz schön durcheinander. Ihren Schmerz über eine Entwicklung, die sie nicht aufhalten können, verdrängen Jugendliche oft, indem sie sich ins Vergnügen stürzen und ordentlich über die Stränge schlagen. Damit entfliehen sie auch der zu Hause herrschenden Stimmung (vgl. Türkmen-Barta 1992, S. 80). 

Da es gerade Kindern und Jugendlichen oft sehr schwer fällt, über Konflikte im familiären Zusammenhang zu sprechen, hat Luitgart Brem-Gräser 1995 einen psychologischen Test entwickelt, der sich in der Kinderdiagnostik großer Beliebtheit erfreut. „Familie in Tieren“, eine projektive Untersuchungsmethode, bei der die Kinder ihre Familie als Tiere zeichnerisch darstellen sollen, durch diese zeichnerische Darstellung soll es den Kindern leichter fallen, sich rückschlussgebend zu äußern. Die Auswertung erfolgt in „freier“ Interpretation nach tiefenpsychologischen oder systemisch orientierten Kriterien zu bestimmten Gesichtspunkten. Ein Katalog von Tiereigenschaften gibt Hilfestellung, ein weiteres Kriterium ist die Anordnung, Größe und Art der Tiere auf dem Bild: Welche Familienmitglieder werden in gleicher Ebene gezeichnet? Wer wendet sich wem zu? Wer wendet sich von wem ab? Welche räumlichen Distanzen bestehen zwischen den Familienmitgliedern? Wie groß sind die Tiere dargestellt?

Es ist sinnvoll und diagnostisch zumeist sehr fruchtbar, mit dem Kind nach der Durchführung des Tests über die Zeichnung zu sprechen (vgl. Parnass 2007) 

Trennung aus der Sicht des Paares 

Eine Trennung ist mit mehreren Phasen verbunden. Zu Beginn steht die Phase der Überlegung. Man beginnt über eine mögliche Trennung nachzudenken oder man versucht alles Mögliche um eine unglückliche Beziehung richten zu können, zum Beispiel durch Eheberatung und Familientherapie. Sofern diese Versuche jedoch nur einseitig sind und nicht den gewünschten Erfolg bringen folgt meist (vgl. Türkmen-Barta 1993, S. 14): 

Die Gesprächsphase

Die Trennungsgedanken werden ausgesprochen. Vorhandene Kinder oder das ehemalige Hochzeitsversprechen machen diese Phase nicht einfach. Kommt man letztendlich überein, dass eine Trennung das sinnvollste wäre, so ergibt sich die nächste Phase (vgl. Türkmen-Barta 1993, S. 14 f). 

Entschlussphase

Der Trennungsentschluss kann einseitig oder beidseitig sein, wobei ein beidseitiger Entschluss einfacher ist. Hat man den Entschluss gefasst, folgt die Phase der (vgl. Türkmen-Barta 1993, S. 16): 

Trennung

In dieser anstrengenden Phase gibt es viele Dinge zu regeln wie das Aufteilen von Besitztümern und die Obsorge der Kinder. Richtet sich die ganze Wut gegen einen selbst, so spricht man von einer depressiven Reaktionsform. Für viele beinhaltet diese Phase jedoch Streit, welcher in nicht zu hoher Dosierung die Ablösung fördert und Klarheit bringen kann. Ist die Trennung dann endgültig vollzogen, folgt die (vgl. Türkmen-Barta 1993, S. 16 f): 

Trauerphase

Die ganze Kränkung wird einem bewusst und der Mensch, an dem man sich bisher abreagieren konnte, ist nicht mehr hier. Erschwert wird die Situation, wenn man plötzlich alleine für die Kinder verantwortlich ist. Sofern diese Phase jedoch gut überstanden wird, was im Schnitt drei Jahre dauert, beginnt sich alles wieder zu normalisieren (vgl. Türkmen-Barta 1993, S. 18 f). 

Phase der Normalisierung

Der Alltag kehrt ein und die Rollen haben sich neu verteilt. Die früheren Verhältnisse sind überwunden und man kommt besser mit der Situation zurecht. Mitunter geht man eine neue Partnerschaft ein, wodurch das soeben gewonnene Gleichgewicht wieder zerrüttelt werden kann (vgl. Türkmen-Barta 1993, S. 19 f).

Verwendete Literatur

Figdor, H. (2006); … und was ist mit mir? Trennung – was soll ich tun? Graz; Rainbows Spiessberger; S. (2007); Jahresbericht Rainbows Oberösterreich; Gmunden: Rainbows

Türkmen-Barta , L.(1992). Geschiedene Kinder? Wien: J&V Schulbuchverlag GmbH

www. parnass.scram.de/comicdetail.php? 20.05.2007, 16.47


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